Die Sage von der Marientränke in Burg

Marie war ein schönes, reiches Mädchen. Sie stammte aus einer angesehenen Burger Familie. Als sie zwanzig Jahre alt war, starben ihr Vater und Mutter. Nie hatte sie irgend jemand etwas zu leide getan, aber wo Not und Elend zu Hause waren, da half sie gern. Eines Abends kam sie spät noch von einer kranken Frau heim, der sie kräftige Suppe gebracht und die Krankenstube gesäubert hatte. Als sie eben die Haustür aufschließen wollte, bemerkte sie auf dem Haustürtritt ein Bündel Lumpen liegen. Wie sie nun so da stand und nicht wußte, ob sie den Fund aufheben oder liegen lassen sollte, hörte sie ein feines Kinderstimmchen. Das schien aus dem Lumpenbündel zu kommen. Sie raffte es auf; und als sie es in der Stube öffnete, lag darin ein Kindchen, das erst ein paar Tage alt war. Als sie es nun gebadet und in neue Windeln gewickelt hatte, suchte sie in den schmutzigen Lumpen nach irgendeinem Zeichen, das ihr verraten sollte, wem der Säugling wohl gehöre. Aber sie fand nicht das kleinste Merkmal. Da dachte sie: “Es waren wohl recht arme Leute, die mir das Kind vor die Tür legten. Sie wissen, wie gern ich allen Armen helfe. Das Kindchen will ich recht, recht lieb haben. Wer weiß, vielleicht gehört es einem unglücklichen Mädchen. Das haben seine Eltern um des Kindes willen gar verstoßen, und nun hat es in der Not nicht gewußt, wohin mit dem Kleinchen. Na ja, wer nimmt denn auch eine Magd mit einem Kinde in den Dienst?”

Nun hatte Marie noch mehr als bisher zu tun. Aber so sehr sie sich auch um den kleinen Findling sorgte, er wurde von Tag zu Tag schwächer. Eines Morgens lag das Kindchen tot in der Wiege. Da schrie Marie laut auf, so lieb war es ihr geworden. Die Nachbarn liefen herbei und sahen das tote Kind.

Ein paar böse Klatschweiber erzählten schon am nächsten Tage: “Wißt ihr denn schon, Marie hat das Kind ja vielleicht selbst getötet.” Andere sagten es weiter und schließlich kam die Polizei und holte Marie aus dem Hause fort. Das Mädchen wurde in den Hexenturm bei Wasser und Brot eingesperrt und mußte auf fauligem Stroh schlafen. Jeden Tag kam der Henker zu ihr, der schlug sie mit der Peitsche und zwickte mit einer glühenden Zange. Jedesmal fragte er:
“Gestehst du nun, dass du das Kind umgebracht hast?” “Nein, nein, ich habe es nicht getan!” schrie das Mädchen vor Schmerzen laut, “es muß sich wohl in der kalten Nacht, als es vor meiner Haustür lag, erkältet haben. Das Kindchen war schon schwer krank, als ich es fand!”

So ging das schon eine ganze Woche. Da nahm der Henker eine siebenstränige Peitsche und schlug damit Marie Rücken und Arme blutig. Und sie beteuerte wieder: “Das Kindchen war schon krank, als ich es fand!” Aber bald hielt es die arme Marie vor Schmerzen nicht mehr aus. “Ja!” schrie sie. “Ich habe das Kind erwürgt. Ich wollte es nicht mehr pflegen!”

Die Herren vom Gericht aber sprachen: “Du Kindesmörderin! Morgen mußt du sterben!” Am anderen Morgen war ganz Burg auf den Beinen. Marie wurde auf dem Henkerkarren zum Schartauer Tor hinausgefahren. Man hatte ihr die schönen, langen Haare abgeschnitten und sie in schmutzige Lumpen gesteckt. An jeder Straßenecke wurde sie von einem Henkersknecht gepeinigt. Draußen vor dem Tore lag ein Teich. Hier hielt der Zug. Man steckte Marie in einen großen, groben Sack. Den banden die Henkersknechte an der Spitze einer langen Stange fest. Wie eine riesige Angel sah es aus. Nun tauchten sie die arme Marie so lange unter Wasser, bis sie vom Leben zum Tode gebracht war.

Seit dem Tage heißt der Ort “Marientränke”. Der Teich ist heute verschwunden, aber der Straßenname ist geblieben und weiterhin jeden bekannt.

 

Aus der Chronik der Stadt Burg

1733 Am Dienstag den 19. Mai wird an einem Wasserloch in der Feldmark Tieferwisch Maria Huhn, welche am 08. August des vorigen Jahres ihr mit Daniel Güttlingen in Unzucht erworbenes Kind umgebracht hat, "nach vorhergegangenem Urteil und Recht mit der Strafe des Sackes belegt und so vom Leben zum Tode gebracht" und darauf auf den Kirchhof “St. Nicolai” in obscuro loco (an einem abgelegen bzw. finsteren Ort) begraben.

 

Quelle: Chronik der Stadt Burg, Mehr Sagen, Geschichten und Erzählungen aus dem Jerichower Land und Burg finden Sie in der Burg Information und der Bibliothek der Stadt Burg.



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